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Das ist doch ein Mädchenfestival! – Nur EIN Tag! – Bist du nicht viel zu alt für sowas? – Und was ist denn das bitte überhaupt für ein Lineup?
So reagierte die Umwelt auf meine Entscheidung, die 58 Euro in die Hand zu nehmen, den Bus mit Kühlbox, 39-Cent-Festivalbier und Gaskocher zu laden und (zum ersten Mal überhaupt) zu Rock am See zu fahren, um das 25jährige Jubiläum mitzunehmen. Bereut habe ich das ganz bestimmt nicht, wobei der Grund vermutlich gerade die zuvor angesprochenen Tatsachen waren, dass das Mädchenfestival nur einen Tag geht und man das auch im gehobenen Alter noch hinbekommen sollte. Und wenn mir jemand in den letzten Jahren Spiel, Spaß und Spannung geboten hat, dann mit Sicherheit Die Toten Hosen – soviel zum Line-Up.
Die Kurzform des Ablaufs: zu hohe Campingpreise akzeptiert > Unwetterwarnung ignoriert > erste Nacht im viel zu heißen Bus überlebt > zu spät aufgebrochen, deshalb State Radio teilweise verpasst > sich gewundert, warum Kate Nash nicht das bekommt, was ihr gebührt > sich gewundert, was die Kooks da machen > sich gewundert, warum WIZO all die ganzen Jahre fast komplett an mir vorbei gingen > DAS Konzert schlechthin von den Toten Hosen bewundert und nicht nur All die ganzen Jahre mitgegröhlt > komplett durchnässt im Bus angekommen > zweite Nacht im viel zu kalten Bus überlebt > sich ein letztes Mal gewundert: McDonalds in Konstanz hat kein Frühstück…

Rock Am See 2010 - Startbier! Und der Anfang wäre gemacht!
Die Langversion. Warum campt man überhaupt bei einem 1-Tages-Festival? Um des Campens willen und um die 130-150 Euro, die ein Doppelzimmer in Konstanz von Samstag auf Sonntag kostet, zu umgehen. Ja klar, aber man kann doch morgens einfach hinfahren – die 200km sind doch ruckzuck überwunden? Genau, aber zurück? Sind wir mal ehrlich, die verkaufen morgens schon “Startbier”, wer soll denn da abends noch fahren können?
Dafür, dass der “Campingplatz” ganze zwei Dixies bot und es dort keine Duschen gab, waren die 10 Euro pro Kopf plus 10 Euro für den Bus zwar immer noch gesalzen, aber wegen den 30 Euro will ich jetzt nicht meckern.
Nächstes Mal wird wild gecampt oder – so wie es viele machten – für 5 Euro auf dem Wiesenparkplatz genächtigt, der ebenfalls (wenn auch nicht ganz legal) Zugang zu den Dixies hatte. Das Nachtlager war dank neuem Billigpavillon schnell errichtet und die Umgebung inkl. Konstanzer Innenstadt konnte erkundet werden. Übrigens: Dass das Pavillon auf dem Bild etwas schepps aussieht, scheint wohl eine optische Täuschung zu sein, selbstverständlich ist das voll im Lot (bin wohl ein bisschen schräg gestanden, als ich das Foto gemacht hab). :)
Am frühen Abend war noch traumhaftes Wetter und so war es im ersten Moment ein wenig unglaubwürdig, als ein mit Schäferhund bewaffneter Securitymensch kritisch auf unsere Pavillonkonstruktion zeigte und uns darauf hinwies, dass es eine Unwetterwarnung für Konstanz und Umgebung gäbe. Ich hatte eigentlich erwartet, dass mir ein schlimmes Bußgeld, Platzverweis oder zumindest ein vorwurfsvoller Blick und ein “Des isch abbr itta so guat” aus seinem Munde drohte, weil ich Spaxschrauben und Akkuschrauber den Heringen und der Fußsohle den Vorzug gab und die Spannseile direkt in den konstanzer Parkplatzasphalt schraubte. Aber nein, er ignorierte dies netterweise (ich meine sogar, ein anerkennendes Kopfnicken entdeckt zu haben), behielt seinen Hund an der kurzen Leine und wies noch einmal mit Nachdruck auf eine saubere Sicherung der Konstruktion hin. Viel konnte nicht getan werden, also haben wir zumindest – um das Gewissen zu beruhigen – alle Verbindungen mit Gaffa abgetaped und die dem Bus zugewandte Seite an selbigem festgebunden. Dass der Bus während zügiger Fahrt bei Seitenwind auch gerne mal eigenmächtig über drei Autobahnspuren zieht, sollte seine windtrotzende Wirkung beweisen.
Der Sturm blieb zum Glück größtenteils aus und lediglich ein paar Böen zerrten beharrlich an den Leinen, die aber keinen größeren Schaden hätten anrichten können.
Pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit setzte andauernder Regen ein, der sich in Bus und unter Vorzelt bei Grillgut und Büchsenbier prima hätte aushalten lassen, wäre da nicht noch ein 6-Mann-Zelt völlig unbekannter Bauart für die erst spät angereisten Mitfeiernden aufzubauen gewesen. Bei neuen Zelten ist meine Meinung die gleiche, wie bei Schneeketten: Erst mal in der warmen Sonne ausprobieren (nicht, dass ich das jemals wirklich gemacht hätte, aber der Vorsatz ist schon mal gut). Nach langer, kalter, nasser Aufbauphase stand auch dieses Zelt irgendwann irgendwie relativ stabil (Kommentar von Passanten: “Guck’ mal, genau das gleiche Zelt wie unseres und es ist genau gleich scheiße aufgebaut!”) und wir konnten uns nach kurzem Ausklang in den Bus zurückziehen, der nach der Vorstellung, in einem nassen Zelt schlafen zu müssen, noch luxuriöser als sonst schien.
Die Nacht war kurz und warm. 1. Kurz deshalb, weil unsere direkten Nachbarn eine ziemlich gute Anlage inkl. Stromgenerator dabei und dazu noch einen wirklich guten Musikgeschmack hatten. 2. Warm, weil ein Öffnen der Fenster ein noch besseres Klangbild des Generators (der etwa einen Meter neben meiner Fahrertür stand) geliefert hätte und damit die Nacht (vergl. Punkt 1) noch kürzer geworden wäre. So war ab 7.30 Uhr duschen und ein erneutes Erkunden der Umgebung angesagt, in der Hoffnung, dass sich unsere ‘Zeltkumpels’ bis in ein paar Stunden aufraffen können würden. 11.00 Uhr war Einlass, 10.59 Uhr wollte ich am Tor stehen.
Zack – viereinhalb Stunden später – 12.00 Uhr… keiner rafft sich auf, weshalb wir entscheiden, alleine (zu zweit) loszuziehen. Die genau richtige Entscheidung, da wir nur so noch den Schluss von State Radio sehen und die Möglichkeit auf Einlass in den “ersten Bereich” vor der Bühne bei Friska Viljor und später Kate Nash wahrnehmen können. Ich bin mir nicht mehr sicher, warum, aber ich fand sowohl State Radio und Friska Viljor sehr unterhaltsam – vielleicht lag es an der Festivalatmosphäre, vielleicht daran, dass die Currywurst gut und billig war. Vielleicht an der Gesamtsituation.
Auch Kate Nash fand ich sehr unterhaltsam, wie sie sich ihre Schminke von Song zu Song mehr über das gesamte Gesicht verteilte. Leider schien sie ein bisschen fehl am Platze und dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man verschiedene Youtube-Kommentare zu den eingestellten Videos liest. Mir scheint, sie hat vergessen, ihre Fans mitzunehmen und die paar Hosen- und Wizo-Hörer, die dank Lena Meyer-Landrut auf sie aufmerksam wurden (und dazu zähle ich mich), konnten das Stimmungsbild nicht komplett reißen. Okay, ich hab mich jetzt auch nicht “and I’m singing uh-oh on a Friday night and I hope everything’s going to be alright” singen hören und dabei ausflippen sehn, aber zumindest bin ich auch nicht tottraurig in der Ecke gestanden. Ganz großes Lob an den Block der “Ich-halte-ihr-während-der-Show-die-ganze-Zeit-den-Mittelfinger-entgegen”-Beauties, die wohl nicht ganz mit dem Auftritt einverstanden waren. Hättet ihr die Zeit des Mittelfinger-Hochhaltens genutzt und wärt noch mal kurz unter die Dusche gesprungen oder hättet Deo aufgelegt, wäre es für alle ein Stück angenehmer gewesen… ihr Vollidioten.
Nun ja, leider mussten wir der Dehydrierung Tribut zollen und unsere Topplätze aufgeben. Ich war dummerweise der Meinung, dass mich Skunk Anansie eh nicht interessieren und so kommt es, dass ich vom wirklich genialen Auftritt der Frontfrau Skin (Deborah Anne Dyer) nur ein wackliges Foto aus 200m Entfernung habe. Die haben so übelst gerockt, dass ich den später wieder erkämpften Platz (dann leider nur noch im zweiten Bereich) bis zum Finale nicht mehr auch nur ansatzweise verlassen wollte.
Dann war, wenn man keinen Plan hatte und deshalb nach der auf den T-Shirts aufgedruckten Bandreihenfolge ging, eigentlich WIZO angekündigt und bis dato war ich überzeugt, dass ich die nicht kenne und noch nie gehört habe… dazu gleich mehr. Der Auftritt von WIZO verschob sich nämlich nach hinten, weil sich der Gitarrist der Kooks, Hugh Harris, einen Finger gebrochen hatte. Luke Pritchard wollte nicht ganz absagen und spielte ein paar Minuten alleine auf der Bühne vor riesigem WIZO-Banner (ich hab da widersprüchliche Aussagen von 10 bis 30 Minuten gehört – ich selber kann es nicht schätzen, weil es so viel zu sehen und zu tun gab). Wieder waren die falschen Fans vorne.
Pünktlich zum WIZO-Auftritt war der Platz wieder gesichert – zu jeder Seite 5m Platz zum nächsten Pogo-Pulk (nach dem ich schon mal Stunden zuvor das iPhone unfreiwillig Richtung Bühne geworfen hatte anstatt ein Foto zu machen…), top Sicht und lauter nette Menschen.
Und jetzt kommt’s: Ich kenn’ WIZO doch! Ist zwar wahrscheinlich mal locker 15 Jahre her, aber bei “Gute Freunde” fiel der Groschen. Axel Kurth sprach sich gegen Stuttgart 21 aus, traf damit den Nerv des Publikums und teilte erstmal die “Front-of-Stage” in zwei Lager: In die linke Hälfte und die rechte andere linke Hälfte! Sehr sehr witzig, weshalb ich es gar nicht versuche, per Text zu erfassen und verweise lieber auf das Video (nicht von mir, aber ein besseres hätte ich auch nicht): http://www.youtube.com/watch?v=XEul8V2YuCM
Dank gebrochenem Finger der Kooks spielten WIZO ein bisschen länger – und auch die jetzt erwarteten Hosen sollten länger auftreten. Ein Glück. Gegen 21:00 Uhr war es endlich soweit und Campino betrat mit seinen Mannen die Bühne, um ein Feuerwerk zu zünden – zuerst metaphorisch, zum Schluss aber auch noch ganz real und er versprach nicht zu viel als er sagte, dass dies ein Feuerwerk werden würde, an das man sich sein Leben lang erinnert.
Die Toten Hosen spielten um die zwei Stunden und brachten zum Glück neben den neueren auch viele alte Lieder, darunter Klassiker wie “Hier kommt Alex”, “Eisgekühlter Bommerlunder”, “Mehr davon”, “Sascha – ein aufrechter Deutscher”, “Wünsch dir was”, “Alles aus Liebe”, “Paradies”, “All die ganzen Jahre” und und und. Beim Sonisphere Festival in 2009 war ich noch begeistert, als Campino einen Fan nach oben holte und ihn “Paradies” singen ließ. Wenig später hörte ich, dass er das wohl seit einiger Zeit immer macht und ich fand es nicht mehr so einzigartig und damit auch nicht mehr so prickelnd wie ursprünglich gedacht. Auch dieses Mal hat er eine junge Dame zu sich auf die Bühne genommen… und es war schlicht toll. Egal, wenn er das jedes Mal macht, dann ist es eben jedes Mal toll! Das Video zu “Liebeslied” gibt’s hier: http://www.youtube.com/watch?v=FMr9a_F2n0s (auch nicht von mir).
Als sich am Ende der zwei Stunden während der letzten Zugabe bei “You’ll never walk alone” genau in der Passage “…walk on through the wind, walk on through the rain” wie auf’s Stichwort der Himmel öffnet und die tiefschwarzen Wolken sich leeren, werden die Stimmen hörbar zittriger und die Augen vieler wahrscheinlich nicht nur vom Regen feucht. Emotionaler kann ein Festivalfinale nicht sein!
Der Rückweg zu den Shuttlebussen war lang und ausgesprochen nass, aber dank exzellentem (ernst gemeint!) Deeskalationspolizist, dessen Bob-Ross-The-Joy-Of-Painting-Stimme trotz Megaphon traumhaft beruhigend blieb (”Jaa, das macht ihr aber gut, wie ihr schön langsam lauft. Genau, prima, nicht drängeln, dann kommen wir alle schnell heim. Richtig, wir springen nicht vor die fahrenden Busse sondern warten, bis sich die Türen öffnen. Absolut, die Blutung ist bestimmt gleich wieder gestillt.“) war der Weg eine reine Freude. Als nach der Busfahrt zum Campground auch noch das Nachbarstromaggregat den Geist aufgab, wurde es noch eine ruhige Nacht – dieses Mal aber dank fehlender trockener Klamotten ein wenig kälter als die Nacht davor.
Die Sonne scheint am Morgen danach,
wie ein Kuss beginnt der Tag.
Der Kaffee ist gut, die Zeitung frisch,
zählt die Opfer am Frühstückstisch.
Und aus dem Radio kommt ein Liebeslied…
Was bleibt, ist die Frage, warum ich erst zum 25jährigen Jubiläum auf die Idee komme, das Festival zu besuchen. Zum 26sten bin ich ziemlich sicher wieder dabei.
Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Facebook einen Lokalisierungsdienst auf den Markt bringt und ich nun dem potentiellen Einbrecher nicht mehr per Statusupdate mitteilen muss, dass ich gerade fern meiner Wohnung (die mit den 10.000 Euro im Schlafzimmerschrank) auf einer Insel festsitze, aber Mutti ja zum Glück trotzdem die Marihuana-Pflanzen gießt und die Geruchsfilter im umgebauten Dachboden wechselt, weil sie mit dem Zweitschlüssel unter der Fußmatte ja jederzeit rein kann. Nein, jetzt genügt ein einfacher Klick auf ‘Orte’ und ich “checke” mich als anwesend ein. Beim Konzert, in der Kneipe, Zuhause. Nur das mit dem Schlüssel muss ich halt noch schreiben. Und das mit den Pflanzen.
Zugegeben fasziniert mich (oder ‘gefällt mir’) bekanntlich alles, was mit Strom läuft (oder mit Benzin) und so finde ich natürlich auch Lokalisierungsdienste erstmal nicht schlecht. Wer mit dem iPhone knipst oder eine GPS-fähige Kamera und dazu eine entsprechende Software hat, kennt vermutlich die Kartendarstellung, die zum Beispiel Apples iPhoto bietet:

iPhoto Orte
Gespräche wie…
Hey, ich hab da VOLL die geile Motorradstecke gefunden! Der ABSOLUTE Hammer ist die!
Aha. Und wo?
Hmm, pfff.. das müsste.. Baden-Württemberg..? Nee, kann eigentlich nicht sein… war das schon Bayern? Egal, die find’ ich schon wieder!
Ja klar…
Doch echt, die existiert! Da war SOO eine Kurve drin und ich war bis zu den Fußrasten auf dem Boden!
Jaja *gähn* ich kann’s mir vorstellen… wow.. du Supertyp…

Facebooks Orte
…gehören damit endgültig der Vergangenheit an. Was damit (noch) nicht geht, ist das Veröffentlichen der Motorradstrecke ohne Umweg über den Rechner, damit sich der Kumpel direkt auf’s Moped schwingen, das iPhone-Navi auf den Tank klemmen und sich selbst ein Bild der Hammerstrecke machen könnte.
Und genau da grätscht Facebook mit Places ein. Im Moment geht es wohl noch nicht in Deutschland, zumindest sagt das mein iPhone seit der Installation der neuen Version der Facebook-App, wenn ich auf ‘Orte’ tippe. Der gemeine Stalker wird zwar wahrscheinlich schon nervös mit den Beinen wippen und die Newsseiten mit schweißnassen Händen absuchen, muss sich aber wohl noch eine Weile gedulden.
Trotz der noch nicht gegebenen Funktion sieht man am lila Pfeil oben rechts (oder ist es pink? Ich kenn’ mich mit diesen ganzen Mädchenfarben nicht aus – ich kenn nur schwarz und blau… dunkles blau), dass die App auf die Ortungsdienste vom iPhone zugreift, also vermutlich auch schon Daten sammelt. Das hab ich mir zum Anlass genommen, die Privatsphäre-Einstellungen meines Profils so zu ändern, dass mich mal zumindest keine ‘Freunde’ an einem Ort einchecken können (ich würde ja mein Gesicht verlieren, wenn ich während der lange angekündigten, sauteuren Luxus-Weltreise plötzlich im Wurmberger Aldi beim Bierholen eingecheckt werde und dann das Lügenkartenhaus zusammenbricht).
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Ich bin mal gespannt, was noch alles kommt und wo es hinführt. Künftig sind wohl eher solche Gespräche denkbar:
Hey, wie war das eigentlich, als du mit deiner Holden zusammengekommen bist?
Ach, voll romantisch, sie hatte sich über Facebook Places im Starbucks eingecheckt und ich bin da einfach auch rein und hab’ so getan, als wär’s Zufall, dass ich auch auf den Double-Decaf-Cremetopped-Frappuccino steh’! Ich wusste natürlich aus ihrem Profil, dass ihr der voll ‘gefällt’ – genau wie dieses total unbekannte Buch, das ich eben so zufällig grad einen Tag vorher fertig gelesen hatte und zitieren konnte. Und bei dir?
Da war’s Schicksal.
Waaas? Schicksal? Ha! Das Schicksal ist tot! Schon lange. Es lebe Facebook!


So sieht die E39-Tür im Originalzustand aus
Der Fensterheber hinten links war schon lange kaputt – um genau zu sein, schon als ich den BMW im letzten Frühjahr gekauft hatte. Der Verkäufer hat wahrscheinlich vergessen, mir das zu sagen (…) und ich, es zu testen (wer testet schon die hinteren Fensterheber?). Auf jeden Fall hatte ich das Problem, dass sich das Fenster im geschlossenen Zustand einfach per Hand (von aussen) nach unten drücken lies. Eher ungeschickt, um die Karre auf einem unbeleuchteten Hinterhof im Ghetto von Remseck stehen zu lassen. Der Fehler konnte nach der Zerlegung der halben Tür schnell gefunden werden: Die Scheibe ist an einem Schlitten aus Aludruckguss befestigt, der durch einen Zug hoch und runtergefahren wird. Dieser Schlitten ist nach oben hin ausgebrochen, was zur Folge hatte, dass die Scheibe zwar elektrisch runter-, nicht aber wieder hochfahren konnte… Das Originalteil bei BMW sollte ca. 200 Euro kosten – zu teuer für ein Fenster an einem hinteren Platz, auf dem alle zwei, drei Wochen mal jemand mitfährt (und ‘jemand’ ist in dem Fall Synonym für ‘Regenschirm’ oder ‘Jacke’). Ich habe mir damals so geholfen, dass ich den Zug eine Etage weiter unten eingehängt (na, eher hingepfuscht) habe, damit ich fortan das Fenster zwar nicht mehr elektrisch auf, dafür aber ZU halten konnte. Und so verging Stunde um Stunde, ein Tag nach dem anderen, das Frühjahr wich dem Sommer, der Sommer (und damit die Versuchung, das Fenster zu öffnen) musste dem Herbst seinen Platz überlassen und spätestens als der Winter 2009/2010 (der, wie wir alle wissen, länger als zuvor Frühjahr, Sommer und Herbst zusammen dauern sollte) hereinbrach, schwand sämtliches Verlangen, das Fenster jemals wieder öffnen zu wollen.
Wie so oft im Leben endete aber auch dieser Winter und das Verlangen nach frischer Frühlingsluft entflammte erneut, als wäre es nie anders gewesen. Ein – das erste Mal seit einem Jahr wiederholt durchgeführter – Suchvorgang im großen Online-Auktionshaus zeigte dieses Mal einen Reparatursatz für den Gußschlitten in der Trefferliste. Für 18 Euro. Dafür kann man’s nicht selbst machen, also rasch die Bewertungen geprüft und bestellt. Um es kurz zu machen: Lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was g’schenkt .. hmm, ne…, anderes Sprichwort aus Schwaben .. Was nichts kostet, ist auch nichts! (Haja!) Um genau zu sein habe ich für die Einbauaktion zusätzlich zu den 18 Euro plus Versand einen kompletten Samstagnachmittag Zeit, das nervige Geschäft, das Fenster 3x aus und wieder einzubauen, blutige Finger und zu allem Überdruss einen bösen Rückfall in die Welt der Raucher bezahlt, der noch mehrere Wochen danach anhalten sollte. Im Endeffekt hatte ich das Ergebnis eines “ab und zu funktionierenden” Hebers, dessen Zug sich nach dem 5ten Mal runter und hoch so verhedderte, dass gar nichts mehr ging (nach dem er deshalb das dritte Mal frisch aufgewickelt und eingebaut war, hab ich den Schalter abgeklemmt, damit niemand draufdrücken kann, die Tür zugehauen und mir ‘ne Kippe angesteckt..). Da das nicht genug war, war nun auch die 100Ah(!)-Batterie der Karre komplett leer – ein fröhlicher Nachmittag voll Radio- und Fensterheberaktivität forderte seinen Tribut. Egal, die Scheibe war oben, das Auto zu und der Tag gelaufen!
Nun ist auch dieser Samstagmittag schon wieder lange her. Der Frühling zog ins Land, der Winter kam noch mal für lange Zeit zurück, bis ich irgendwann zu mir selbst sagte: Scheiß’ auf die 200 Euro, bau’ dir einen kompletten Fensterheber ein! Eine letzte Suche in den Weiten des Internet brachte aber statt dem teuren Original-, das nicht ganz so teure Zubehörteil hervor: 65 Euro. Bestellt, bezahlt, geliefert. So, und nun sind wir auch schon bei der Einbauanleitung. Um es vorweg zu nehmen: 1 Stunde Einbauzeit - inkl. kurzer Pause bei einem Teller Spätzle mit Soß’ und der Unterbrechung, als ich die 5jährige Nachbarin vorbeilassen musste, die sich durch meine weit über den Gehweg geöffnete Tür gestört fühlte und diese Gefühle mit stetigem “mit ihrem Puppenwagen gegen den Lack der Tür pochen” zum Ausdruck brachte.

Das 'Pfützenlicht' abstecken!
Also, los geht’s! Zuerst einmal muss die Türverkleidung weg. Dazu die Schraube, die sich hinter einen kleinen Abdeckung in der Gruffmulde befindet (davon hab’ ich natürlich wieder mal kein Foto gemacht, aber wenn ihr die nicht selbst findet, solltet ihr vielleicht jetzt mit dem Lesen aufhören und zum BMW-Händler fahren), lösen und jetzt einfach ringsherum die Verkleidung zu sich hin ziehen – ausser an der oberen Kante. Ist die Verkleidung unten, links und rechts gelöst, kann sie vorsichtig nach oben abgehoben werden. Sie ist mit so komischen Metallklammern festgesteckt und deshalb hat man beim Lösen zwangsläufig Angst, irgendetwas kaputt zu machen. Wie immer, die Angst einfach überwinden. Bitte auf die Kabel für Fensterheber (bei mir ja schon abgeklemmt), Lautsprecher und “Pfützenlicht” achten – am besten alles abstecken und die Verkleidung in den Kofferraum legen.
Direkt hinter der Verkleidung kommt eine Art Dampfsperre oder Dämmung zu Tage. Diese – auch von ihr existiert kein Bild auf meiner Digicam.. – lässt sich (heute bei 30°C Aussentemperatur) leicht ablösen. Nachdem die Kabel durchgefädelt sind und die langen Fäden, die der Klebstoff zieht, mit den schweißnassen Händen und anhaltendem Gegeneinanderreiben derselben zu Klumpen vertüddelt wurden, findet auch diese ihren Platz im Kofferraum und ist damit aus dem Weg.
Jetzt heißt es, noch mal zum Kofferraum zu gehen, den Schalter für den Fensterheber aus der Verkleidung zu bauen und ihn wieder an seinen Stecker zu – na? – stecken. Die Scheibe muss nun soweit herunterfahren, bis der “Schlitten” und die darin festgeschraubte Torxschraube (T30) sichtbar wird. Genau diese lösen und die Scheibe vorsichtig von Hand ablassen bzw. sichern.
Da jetzt die Scheibe gelöst und gesichert ist, kann oben die Leiste (die, mit den komischen Metallklammern, die die Verkleidung noch bis gerade eben an der Tür hielten) weggehebelt werden:
Jetzt die vertikale Verkleidung an der kleinen Seitenscheibe INNEN (als Erstes!) lösen und nach dem die drei Schrauben darunter entfernt sind, die äußere Abdeckung zuerst herunter drücken und dann nach oben herausziehen.
Ohne die Leisten oben, innen und außen kann nun die Scheibe vorsichtig (!) nach oben herausgezogen und – wo? – im Kofferraum deponiert werden.
So, jetzt braucht ihr einen E12-Außentorx… und den hat keine Sau… da ich im Frühjahr aber schon die Erfahrung des Ausbaus machen durfte, liegt dieser natürlich schon in der Werkzeugkiste parat (damals war der notdürftige Zusammenbau und eine Fahrt in den Baumarkt angesagt). Mit ihm löst ihr die Schraube, die den Fensterheber oben mit der Tür verbindet. Auch davon gibt es keine Bilder… klar… aber mal ehrlich, ihr steckt die E12er-Außentorx-Nuss auf die Ratsche und jede Schraube, auf die die Nuss passt, ist die richtige (es gibt nämlich genau EINE in einer Tür!). Wenn die obere Schraube entfernt ist, greift noch mal in die Werkzeugkiste und holt euch einen 10er Ring- oder Gabelschlüssel, mit dem ihr die untere Befestigung lösen könnt (lockern reicht, muss nicht ganz raus).
Der komplette Fensterheber sollte nun nur noch über Bowdenzüge am Motor mit der Tür in Verbindung stehen. Die “Motor-Getriebe-Einheit” lässt sich mit einem T20-Bit entfernen (vorher natürlich auch den Motor vom Kabelbaum abstecken):
Bei meinem gekauften Fensterheber war kein neuer Motor dabei, weshalb die Zerlegung noch aussteht:
Wenn ich jetzt so auf die Uhr sehe und dran denke, dass jetzt das Schreiben fast länger gedauert hat, als der Einbau, beeile ich mich lieber ein bisschen… Der Einbau erfolgt in umgekehrter Reihenfolge. Fertig. ;-) Naja, es bleibt noch zu sagen, dass das Wiederaufstecken der Fensterleiste (die Metallklammern, ihr erinnert euch?) ein ziemlicher Riesensch..pass ist – man muss höllisch aufpassen, dass man nix verkratzt und die Leiste sauber aufliegt. Ansonsten ist nur noch wichtig, dass die Kabel wieder zusammenpassend gesteckt werden (”Schieri, wir wissen, wo dein Auto stand – hat gut gebrannt, hat gut gebrannt!”) und man zwischendurch immer wieder mal testen sollte, ob die Scheibe richtig hoch und runterfährt. Letzte Aktion: Scheibe ein Stück runter – 59CentDeutschlandfahne rein – Scheibe wieder hoch – fertig!
















